zu den Bereichen:

aktueller Inhaltsbereich ""

aktueller Inhaltsbereich ""

Bereichsübersicht: Startseite

Kein Mensch ist eine Insel

Seit Mitternacht gelten in Bayern Ausgangsbeschränkungen. Jetzt ist es soweit: Wir sind alle in Quarantäne. Ohne einen Grund, den er oder sie kontrollierenden Polizisten erklären kann, darf niemand sich im öffentlichen Raum bewegen. – Als man einfach herausgehen und Menschen, die man gerne mag, treffen konnte – da war es leichter, allein und für sich in einer Wohnung zu sein. Aber für viele fühlt sich die Situation jetzt anders an. Es kommt der Gedanke: „Ich sitze fest.“ „Auch ein großer Raum ist mir jetzt zu klein.“ „Die Decke fällt mir auf den Kopf.“ Für Situationen wie diese empfehle ich drei Übungen: Das Singen, das Beten und die bewusste Kommunikation.

Erstens: Lassen Sie es um sich herum nicht allzu still werden. Geistliche Lieder, wie sie in der Kirche gesungen werden, sind toll – vielleicht ist es Zeit, sie wieder zu entdecken. Aber, ganz klar, auch andere Musik ist möglich. Es gibt so viel, im Radio oder auf Youtube. Sogar Lieder mit ganz und gar unchristlichen Texten wie „I’m Bad“ oder “Highway to Hell“ können nicht verleugnen: Musik ist die kleine Schwester der Religion und tut einfach gut. Versuchen Sie einmal bewusst, mitzusingen … oder meinetwegen auch mitbrummeln oder summen!

Zweitens: Beten fällt nicht jedem leicht. Manche haben Schwierigkeiten. Die einen, weil ihr Glaube so schwach ist, dass sie sich gar nicht vorstellen können, ihr Gebet könne Gott erreichen. Es gibt auch Andere, deren Glaube stark ist – die aber den Glauben und den Schlamassel mit dem Coronavirus nicht auf die Reihe kriegen. In jedem Fall: Gott lässt mit sich reden. Er ist nicht genervt, wenn wir ihm den Jammer vor die Füße werfen. Und wer eine Zeit lang betet, merkt, dass das Gebet sich wie von selbst auch auf das Positive richtet: das, wofür wir dankbar sein können, tritt einem vor die Augen.

Drittens: Niemand lebt sich selber, steht in der Bibel. Keiner ist eine Insel, hat ein Dichter gesagt. Auch wenn wir jetzt allein sind, ist das so. Die Verbindung zu Anderen ist wichtig, auch wenn wir diese nicht sehen. Nicht nur in Gedanken. Es gibt Telefon. Man kann Briefe schreiben. Mindestens drei mal am Tag, morgens, mittags und abends, soll ein Mensch bewusst die Verbindung zu seinen Mitmenschen suchen. Einfach um Hallo zu sagen. Um zu fragen, was der oder die Andere so tut: Wohnung aufräumen? Lesen? Fernsehen?

Ich hoffe, Sie können etwas anfangen mit den Übungen. Sie kommen aus dem Schatz kirchlicher Lebenserfahrung. Singen, Beten und bewusste Kommunikation haben schon viele Menschen über Durststrecken hinüber gerettet. Dass Sie und ich uns wünschen, die Zeit der Ausgangsbeschränkungen soll bald zu Ende sein, ist klar. Dass die Zeit der Einsamkeit bei alledem auch eine gute Erfahrung sein mag, wünsche ich Ihnen aber auch.

Ihr Pfarrer Gereon Sedlmayr

B.G. | 30. Mai 2020, 13:19 |

top