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Die ersten Protestanten im Münchner Osten

Um die Mitte des 16. Jh. gab es auch im Gebiet des heutigen Landkreises Ebersberg Anhänger der Reformation. Ihr Hauptort war Markt Schwaben, wo die amtierenden Pfleger und Landrichter die evangelische Bewegung wohlwollend deckten. Auf Grund einer päpstlichen Konzession wurde dort sogar von 1565 bis 1570 auch innerhalb der katholischen Messe den Laien, die bis aus München kamen, der Kelch gereicht. Ein weiteres Zentrum war Bruck, ein Nebenzentrum Zorneding. Auch in Anzing, Assling, Buch bei Zorneding, Egmating, Emmering, Glonn und Kleinrohrsdorf (Gde. Baiern) lebten Protestanten – ob auch im heutigen Gemeindegebiet Vaterstetten, ist ungewiß, aber nicht ganz unwahrscheinlich.
Ausschnitt Appian Landtafel 18Aktenkundig ist nur, daß der für Vaterstetten und Wießenfeld zuständige katholische Pfarrer von Ottendichl, Georg Zechetmair, mit seinen Vorgesetzten Schwierigkeiten bekam, weil sich bei einer Visitation im Jahre 1560 herausstellte, daß ihm ein umherziehender Münchener Buchhändler wiederholt „verdechtliche puecher“ gebracht hatte, insbesondere die beiden „sektischen“ Schriften: „auslegung Span(gen)bergii Ober den 51. psalm‘‚ und „leichpredig Span(gen)bergii teutsch“ Zechetmair blieb aber Katholik und die ganze frühe evangelische Bewegung verebbte unter obrigkeitlichem Druck um das Jahr 1570.Eine neue Entwicklung begann erst mit dem Regierungsantritt des Kurfürsten Maximilian IV. Joseph im Jahre 1799. Seine Gemahlin Caroline war Protestantin. Mit ihr kamen protestantische Hofbedienstete nach München. Durch das Amberger Reskript vom 10. November 1800 eröffnete der Kurfürst zur Stärkung der Wirtschaftskraft seines dünn besiedelten Landes allgemein den Nichtkatholiken die Möglichkeit, sich in den bayerischen Stammlanden niederzulassen. Das erschien vielen Rheinpfälzern, überwiegend Protestanten, als Ausweg aus der wirtschaftlichen und politischen Misere, in die sie geraten waren, weil Frankreich die linksrheinische Pfalz 1801 im Frieden von Luneville zugesprochen erhalten hatte. So machten sie – die „Überrheiner“ – sich mit ihren Ochsenkarren auf den Weg. 10 bis 14 Tage dauerte die Reise. Die Zuwanderer der ersten Welle um 1802 wurden geschlossen im Donaumoos und im Rosenheimer Moos (Großkarolinenfeld) angesiedelt. Etwa ab 1803 ließen sich dann über Jahre hinweg da und dort immer wieder einzelne Familien auf einem der vielen verödeten Höfe nieder, die billig zu kaufen waren – Familien, die nicht in den unwirtlichen Mooren bleiben wollten, aber auch neue Zuwanderer.
So auch im Münchener Osten. Kirchenrechtlich gehörte dieser Bereich zu der 1806 gegründeten evangelischen Pfarrei München. Aber dorthin war es weit. So entwickelte sich neben Perlach vor allem Feldkirchen zu einem geistigen Zentrum der protestantischen Siedler, auch derer aus dem heutigen Gemeindegebiet Vaterstetten. Mittelpunkt der unorganisierten Feldkirchener Gemeinde war Jakob Bodmer (1768 1822), Enkel eines Züricher Pfarrers und ehemals Gemeindevorsteher in der Schweiz. Als Flüchtling hatte er in der Familie eines Mennoniten auf der Schwaige Oberndorf (heute Ortsteil von Feldkirchen an der Bundesstraße 471) Aufnahme gefunden und wirkte dort zunächst als Privatlehrer protestantischer Kinder. Als 1811 in Feldkirchen eine evangelische Schule errichtet wurde, trat er dort am 18. Mai als erster protestantischer Lehrer in Oberbayern den öffentlichen Schuldienst an. In einem baufälligen Schulhaus unterrichtete er gegen ein armseliges Gehalt, hielt sonntags Lesegottesdienst und beerdigte seine toten Glaubensgenossen. Den ersten Gottesdienst eines ordinierten Geistlichen erlebte die Gemeinde erst am Sonntag Kantate (9. Mai) 1830 im Schulhaus. Von da an stellten sich etwa alle zwei Wochen Münchener Predigtamtskandidaten unentgeltlich für den Gottesdienst zur Verfügung und die Feldkirchener erwarben eigens eine alte Chaise, um den Geistlichen aus München zu holen und dorthin wieder zurückzubringen. Am 15. August 1833 wurde Feldkirchen zu einem der Pfarrei München untergeordneten Pfarrvikariat erhoben mit einem ständigen Pfarrvikar, der bis 1879 zugleich Lehrer war. Noch während der Amtszeit des ersten Vikars, Johann Adolf Schuler, entstand 1837 das bis heute als Kirche genutzte Pfarrvikariatsgebäude (im Erdgeschoß Schulsaal und Vikarswohnung, im Obergeschoß der Betsaal); zu seinem Bau leisteten auch die Protestanten aus Weißenfeld, Ammerthal, Neufarn und Vaterstetten Hand und Spanndienste. Das junge Vikariat begann in großer Armut. Da neben Lutheranern auch Reformierte zur Kirchengemeinde gehörten, sah die dem Pfarrvikar erteilte Dienstinstruktion vor, beim Abendmahl sowohl ungesäuerte Hostien als auch gesäuertes, gebrochenes Brot auszuteilen; tatsächlich wurden aber von Anfang an ohne spürbaren Widerstand der Gemeinde nach lutherischem Brauch nur Hostien verwendet.
Im Verhältnis zu den Katholiken gab es selbstverständlich Probleme so z. B. die Mischehen –, aber auch Gesten guter Nachbarschaft. So half der katholische Pfarrer von Ottendichl anfangs bei eiligen Krankenkommunionen mit seinem Kelch aus und ein katholischer Bauer schenkte ein Grundstück für das Vikariatsgebäude in Feldkirchen. Die Beerdigung von Protestanten auf katholischen Friedhöfen stieß manchmal auf Schwierigkeiten. Am friedlichsten soll es in Neufarn zugegangen sein, was der damalige Chronist darin begründet sah, dass dem katholischen Ortsgeistlichen Taxen zustanden.
Nachteilig war für die Gemeinde, daß die Pfarrvikare häufig wechselten. Die meisten strebten danach, anderswo eine vollwertige Pfarrstelle zu übernehmen. Einer – Karl Rüger – wurde im Januar 1849 durch Störung der Predigt, Einwerfen der Fensterscheiben und nächtliche Schüsse in sein Schlafzimmer gewaltsam vertrieben. Deshalb war es für die Festigung der Gemeinde ein gro¬ßer Fortschritt, als Feldkirchen 1905 zur Pfarrei erhoben wurde mit einem Pfarrbezirk, der 117 politische Gemeinden in 4 Landkreisen umfasste, darunter auch die heutige Gemeinde Vaterstetten.
Im 19. Jahrhundert waren die Protestanten in der damaligen Gemeinde Parsdorf freilich nicht sehr zahlreich.
Die Gesamtzahl der Protestanten im Gemeindegebiet Vaterstetten blieb in der zweiten Hälfte des 19. Jh. nahezu gleich: 1895 waren es 66 und zur Jahrhundertwende 72.

Hinter diesen Zahlen verbergen sich schwere Schicksale. Nur wenige prote¬stantische Familien fassten auf Dauer Fuß. Viele konnten die Höfe nicht halten, die sie – wegen ihrer Armut meist zusammen mit ein bis zwei anderen Familien – voll Hoffnung erworben hatten. Das wenige, was von dieser protestantischen Kolonistengeneration noch bekannt ist, lässt das Scheitern als typisch, den Erfolg als Ausnahme erkennen.
Vaterstetten wurde die Heimat der protestantischen Bauernfamilie Deibel (Deubel), der ersten, die in den Bezirk der späteren Pfarrei Feldkirchen zugewandert war. Um Jakobi (25. Juli) 1803 hatte der Landwirt Georg Deibel aus Oberlustadt bei Germersheim zusammen mit den Rheinpfälzern Hauswirth aus Winden und Kräutermann aus Niederlustadt gemeinsam ein Anwesen in Angelbrechting erworben. Wegen Zahlungsschwierigkeiten der Mitkäufer wurde der Kauf jedoch rückgängig gemacht. Deibel zog im selben Jahr (nach anderer Überlieferung 1806) nach Vaterstetten und übernahm hier – zunächst gemeinsam mit Georg Huttler und Michael Nunnenmacher den Haimererhof HsNr. 6 auf dem Gelände hinter dem heutigen Anwesen Ach. Die Familie blieb über mehrere Generationen ansässig. Ein Nachkomme Otto Deibel war 1905 Mitglied der protestantischen Kirchengemeinderepräsentation Feldkirchen und ab 1. Dezember 1906 Verwalter der damals neu errichteten Posthilfsstelle Vaterstetten. Kräutermann (Gradermann) scheint einige Zeit in Vaterstetten das Anwesen HsNr. 11 bewirtschaftet zu haben, doch verliert sich seine Spur.
Nach Baldham zog einige Jahre später der Protestant Valentin Weißenburger, dessen Familie nach seinem Tod auswanderte.
In Neufarn ließ sich die Wagnersfamilie Ludwig Lehrer aus Baden nieder. Ein Kind dieser Familie war das erste, das je in Feldkirchen evangelisch getauft wurde: in der protestantischen Schule am Nachmittag jenes Sonntags Kantate 1830, an dem in Feldkirchen der erste Gottesdienst gefeiert worden war. Das Kind starb schon nach wenigen Tagen. Ein Ludwig Lehrer Vater, Bruder? wanderte 1847 nach Amerika aus. Zur Auswanderung entschlossen sich zwischen 1847 und 1851 von Neufarn auch die Protestanten Philipp Doll und Johann Jung aus Edenkoben, ferner Michael Kunz, wohl ein Sohn jenes Johann Kunz, der 1818 mit dem Landgericht Ebersberg Streit hatte, weil er entgegen früheren Zusagen nicht bereit war, an die protestantische Schule Feldkirchen jährlich 2 Gulden Schulgeld zu zahlen, sondern seine Kinder lieber in die katholische Schule schickte mit der Begründung, das sei „nötig in einer Gegend, wo die katholische Religion die allgemein angenommene ist“. Neufarn verließen auch wieder Nikolaus Prächtel, der 1863 nach Unterbiberg verzog, dann Friedrich Doll und der Badenser Heinrich Doll, der nach seinem Umzug in die Gegend von Perlach 1861 in Haching erstochen wurde.
In Weißenfeld zählten zu den frühen protestantischen Siedlern die Brüder Diebold und Jakob Klugsherz aus Langenwinkel in Baden und der Pfälzer Georg Hahn, ferner Christian Heitz, der Ende der Fünfzigerjahre des vorigen Jahrhunderts in die Starnberger Gegend verzog. Die Protestanten Gottlieb Heitz und Georg Weißenburger, dieser aus Neuburg a. Rhein, versuchten 1847 ihr Glück in Amerika. 1876 folgte ihnen dorthin Georg Adam nach und 1882 Johann Meßmer, ein Sohn des gleichnamigen Protestanten, der sich um 1810 in Ammerthal niedergelassen hatte; dieser Johann Meßmer jun. war, soweit ersichtlich, der einzige, der im Alter aus Amerika zurückkehrte und in Feldkirchen starb. Bis in die Gegenwart behauptete sich die Familie Fauth: Um 1816 waren die Brüder Leonhard und Friedrich Fauth aus Engelstadt bei Mainz gekommen, 1820 war ihnen ihr Bruder Philipp gefolgt. Friedrich schloß sich 1847 den Auswanderern nach Amerika an, Leonhard verzog nach Parsdorf. Angehörige dieser Familie begegnen in der Folgezeit in Parsdorf, Weißenfeld, Ammerthal und Baldham. Wiederholt bekleideten sie Ehrenämter in der protestantischen Kirchengemeinde Feldkirchen. In den Jahren 1925 1929 stellte die Familie den ersten evangelischen Bürgermeister der Gemeinde Parsdorf: den Bauer Johann Fauth aus Parsdorf (1875 1956).
– Rz –

Quellenverzeichnis:
• Mayer, Die Pfälzereinwanderung nach Altbayern zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Phil.Diss. München, Vaterstetten 1945
• Rößler, Geschichte und Strukturen der evangelischen Bewegung im Bistum Freising 1520 1571, Nürnberg 1966
• Turtur Bühler, Geschichte des protestantischen Dekanates und Pfarramtes München 1799 1852, Nürnberg 1969
• Evangelisches Gemeindeblatt für die Kirchensprengel Perlach und Feldkirchen Jg.1903,1905,1907,1919,1920,1921,1925
• Königlich Baierisches Regierungsblatt Jg. 1806
• Kataster der Ortschaften, der Bevölkerung und der Gebäude in den Regierungsbezirken Oberbayerns; Landgericht Ebersberg (Bayer. Statistisches Landesamt)

(Aus „Gemeinde-Geschichte(n) Vaterstetten 1“; Autor. Walter Rzepka (Rz), Lannerweg 5b, 85591 Vaterstetten)

sb | 4. April 2008, 23:37 |

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